Ein Kreislauf aus Stress und Todesangst mit Ausschweifungen über Frust und Toleranz

Im August haben wir eine neue Kühlbox für das Unterwegszuhause gekauft und dafür für unsere Verhältnisse echt viel Geld ausgegeben. Leider wurde uns ein defektes Gerät geliefert und seit dem ärgern wir uns damit herum und versuchen Ersatz oder Erstattung zu bekommen.

Ein Außenmensch hat uns nun Unterstützung angeboten und eine Tabelle angefertigt, in der wir die gesamte Kommunikation mit dem Hersteller aufschreiben sollen.

Während wir das machen geraten wir in Stress, müssen unbedingt zwischendurch rauchen gehen und es strengt sehr, sehr an, dabei zu bleiben. In einer der Rauchpausen wird festgestellt: „Die Unfähigkeit bestimmte Dinge zu erledigen ist Teil der anerkannten Schwerbehinderung!

Krass! Das sitzt!

Die Weltbestefreundin sagt, es sei schön, dass diese Erkenntnis da ist und sie aber nicht glaubt, dass es eine generelle Unfähigkeit ist diese Dinge zu erledigen, sondern dass es eben nur nicht immer geht.


Wir stimmen zu. In der Kühlschrankkommunikation sind wochenlange Lücken, in denen wir gar nichts diesbezügliches getan haben und deswegen sagen die jetzt „verspätete Mitteilung, ätschebätsch“ und wir erkennen: Auch, wenn das als Teil der Behinderung anerkannt ist, gibt es nichts und niemanden, der uns vor den Folgen bewahren kann. Es ist zum verzweifeln, es macht hilflos und wütend – auf uns, auf die Gesellschaft und das Leben allgemein.

Im Gespräch mit der Weltbestenfreundin können wir das Muster klar benennen: Eine von uns weiß, an dieser und jeder Stelle muss dringend was getan werden, irgendwo ist Handlungsbedarf. Dann guckt sie sich das an und stellt fest, dass da wiedereinmal eine Frist verpasst oder auch einfach nur unangemessen lange nicht reagiert wurde. Das macht Stress, der Angst, die erinnert an andere Ängste, die machen Todesangst und die ruft jemand völlig anderes auf den Plan.

Die Dinge bleiben wieder unerledigt und wir hängen in irgendeinem Traumading drin. Das Grundding kann dabei so unerheblich sein, wie ein kaputter Kühlschrank oder auch die Aufforderung den Wasserzähler abzulesen. Das Ergebnis ist Todesangst, zerfleddern, verdissen und wo ganz anders wieder herauskommen und an anderer Stelle mit anderen Dingen quasi „nahtlos“ weiterzumachen und dabei lediglich das Gefühl zu haben „etwas verwirrt“ zu sein.

Verwirrt sein“ ist eh so ein Dauerzustand und auch über viele Jahre die Selbstbeschreibung schlechthin gewesen: „Ich bin verwirrt/verplant/vergesslich“ und somit dumm/unfähig/zu blöd für alles, als Selbsterklärung für Lücken, die nicht als Lücken und Amnesien erkannt wurden.

Ist doch schick, jetzt eine Diagnose-Erklärung zu haben – aber helfen tut das eben auch nicht. Prima, das liegt also daran, dass ich nicht alleine bin. Da kann man dann bedenklich mit dem Kopf wackeln und „schlimm-schlimm“ sagen, aber besser wird dadurch überhaupt gar nichts! Und dann fragen wir uns wieder, was „besser“ heißt und was wir vom Leben erwarten beziehungsweise ihm abzuringen versuchen. Wir kämpfen tagtäglich ums Überleben, auch wenn von Außen keine reale Lebensbedrohung mehr besteht – so ist sie eben doch in uns drin. Als fest gespeichertes Gefühl, das jederzeit wieder aufploppen kann und leider auch in Form von destruktiven Inns, die auf jede Schwierigkeit mit „ich könnte mich auch umbringen!“ reagieren, so dass wir zu dem äußeren Kampf mit und um das Leben auch noch einen inneren haben, damit sich nicht im schlimmsten Falle doch mal jemand durchsetzt und sich wegen einer ausgefallenen Heizung, einem verstopften Abfluss oder einem vergessenen Rückruf selbst – und damit uns alle – umbringt.

Wir kreisen um die Frage, ob das mal „besser“ wird und ob dieses „besser“ dann bedeutet, dass dieses Inn sich nicht mehr umbringen will oder es „weg“ ist oder wir einfach nur mehr Sicherheit in der Kontrolle darüber haben.

Wir lesen an unterschiedlichsten Stellen von Anderen und ihren x-Jahren in Therapie und fragen uns ein ums andere mal, ob dass all der Kampf wert ist? Das man nach Jahren und Jahrzehnten der Therapie immer noch Therapiebedürftig ist und eben am Ende nichts „besser“ oder zumindest eben nicht gut geworden ist.

Was ist denn das Ziel bei dem Ganzen? Wofür machen wir das und wo wollen wir hin?

Die Mutter hat schon damals immer gesagt „Du hast einfach keine Frustrationstoleranz!“ – mag sein, aber ist dass das Ziel? Der Schlüssel zum Glück der Anderen, der „Normalen“? Frustration zu tolerieren? Das erscheint zumindest mir! nicht sehr erstrebenswert.. Ich möchte, dass Frustmomente mich nicht mehr in Todesängste stürzen, aber ich möchte möchte Frust bestimmt nicht tolerieren! Warum sollte ich auch? Ich bin eh entschieden dagegen Dinge zu tolerieren, die einfach Mist sind! Mist will ich verändern und nicht untätig tolerieren! Was für ein bescheuertes Konstrukt und scheinheilige Erklärung für Ignoranz und Untätigkeit!

Aber, wenn es das nicht ist, was ist es dann? Oder kann es eben gar nichts anderes sein, weil „glücklich sein“ nur funktioniert mit einer riesenhaften Portion Ignoranz?

B.A.C.A.

Da sind wir gerade in welchem Zusammenhang auch immer über B.A.C.A. gestolpert und nun heult und heult und heult es. Sogar ne ganze Weile lang nach draußen und damit haben wir eigentlich schon vor vielen, vielen Jahren aufgehört. Aber.. Das macht so große Sehnsucht auf, das zeigt, was wir nie hatten und uns immer gewünscht haben: Schutz und Zugehörigkeit.

Die Bikers Against Child Abuse stehen wie eine Wand zwischen dem Kind und der Gewalt und integrierten es in ihre Familie, heißt es. Hier weint ein Kleines.

Sie begleiten auch ins Gericht, wird im Video erzählt. „Dann hätte ich mich vielleicht auch getraut“ schluchzt eine.

Sie kommen, wenn das Kind Angst hat. Sie halten, wenn nötig, die ganze Nacht Wache, lesen wir. Es weint und wimmert und erinnert sich. Uns hat nie jemand beschützt, sich nie jemand schützend vor uns gestellt. Nie jemand gesagt „du gehörst zu uns“ oder gar „wir stehen für dich ein“, wir waren allein und sprachlos, hatten gelernt ganz still zu halten und kein Geräusch zu machen…

Jahre später dann waren wir Teil von etwas: Wir hatten eine kleine politische Gruppe von Trotzkisten gefunden, die auf Demos auf einander achteten, die neu auftauchende einbanden, ihnen Aufgaben zutrauten und erfahrenere Genoss*innen zur Seite stellen, die nachfragten, wenn wir nicht auftauchten und die den Kontakt hielten, als wir für Monate in einer Klinik verschwanden. Die Unterstützung zusicherten, als ein… Na ja.. Sein wir ehrlich: Täter uns stalkte, die beim Renovieren der ersten eigenen Wohnung halfen, und dadurch, dass wir da sein durften, durch die Schule und diese Zeit brachten, uns halfen beim Überleben.

Aus einem für mich* nicht greifbaren Grund haben wir unsere Organisation verlassen, noch ehe sie sich einige Zeit später auflöste.

Diese Zeit war die einzige in unserem Leben, in der wir uns zu irgendetwas zugehörig und damit weniger allein gefühlt haben. Als verkopfte Intellektuelle konnten sie den ängstlichen in uns allerdings niemals ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Und nun sehen wir diese Biker*innen, die es sich als Auftrag gegeben haben, Kinder zu beschützen. Die zwar Gewalt ablehnen, aber sagen, dass, wenn es nur noch sie und ihre Körper sind, die zwischen dem Kind und erneuter Gewalt stehen, dann stehen sie da auch, komme was wolle. Und wir weinen und weinen, weil wir uns nichts schöneres vorstellen können, als eine Gruppe tätowierter Biker*innen mit ihren tollen schwarzen Ledersachen, die uns beschützen – die uns für beschützenswert halten!

Wo ist die Schokolade?

Im Bücherregal neben dem Bett steht eine Schale mit lauter kleinen, ganz unökologisch einzeln verpackten Schokoladenstückchen und lustigen kleinen Riegeln. Sie entstammen einem Paket der Tochter und sind hier gelandet, weil von ihr nicht für gut befunden. Sie stehen dort seit einigen Tagen und ab und an essen wir einen davon. Es ist Dienstag Abend, wir haben lange – eigentlich zu lange – gearbeitet, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir uns seit Wochen in einem fiesen Hyperarousal befinden und kaum schlafen. Montag gab es einen kleinen Minizusammenbruch der zum Schwänzen des Blutabzapfens bei der Ärztin geführt hat – weswegen wir Morgen zur anderen Ärztin mit ohne angeforderte Unterlagen gehen müssen – sowie zum Verschlafen des Vormittages bis der Vater vor der Türe stand und wir schwindelig und desorientiert in der Küche nach der Kaffeemaschine suchend versucht haben, ihm zu erklären, dass „ich etwas krank bin“. Zumindest ist es dann Dienstag Abend, der Tag war lang mit sieben Stunden Arbeit und jeweils einer Stunde hin und zurück durch den Wald und dann noch kochen für die Kinder und Abwaschen und irgendwas noch erledigen. Um elf oder auch erst um zwölf können wir uns einigen uns im Bett hinzulegen, die Serie läuft noch, das Handy noch in der Hand, das Licht noch an. Nach einer Weile darf das Licht aus und nach noch einer Weile kann das Handy beiseite gelegt werden, schnell noch vorher zum x-ten Male den Wecker für den kommenden Tag, sowie die Uhrzeit des Therapietermines (10 Uhr, wie immer) kontrollieren und dann hoffen, irgendwann mit der Serie in den Schlaf sinken zu können.

Der Mittwoch Morgen ist stressig. Die Tochter hat anders Schule, der Bus fährt nicht wie gewohnt. Frühstück machen, Brote schmieren, Getränk vorbereiten, neue Busverbindung suchen und erklären. Der Kater scheißt unter den Stuhl in der Bibliothek. Die Kinder aus dem Haus scheuchen, den Boden putzen, mit dem Hund rausgehen, schnell mal eine Rauchen.. Beim wieder hereinkommen merken, dass die Tochter sich verfahren hat. Mit ihr telephonieren, beruhigen, nicht gänzlich verzweifeln, neue Verbindung raussuchen. Hund füttern, anziehen, Mate in die Tasche werfen, schnell zum Bus. Zurück, weil Geld vergessen. Und wieder los, durch Schneeregenekelwetter, mit fiesen Schmerzen, weil Meds vergessen, egal, müssen zur Therapie.

Danach ist das Wetter noch ekeliger, so dass wir uns durchringen auch mit dem Bus zurück zu fahren, das Geld in der Tasche reicht auch noch.

Zuhause angekommen wird es wirklich, wirklich Zeit für einen Kaffee im Bett sitzend und dazu ein bißchen Schockolade essen. Auf dem Bett liegt ein zerfetztes Taschentuch und eine Socke – der Hund war wohl gestresst von unserem gestressten Aufbruch. Also aufräumen, Gemütlichkeitshose an und endlich, endlich die schmerzenden, kalten Gelenke unter die Decke. Da sitzen wir dann mit Kaffee, Rechner, Musik und – nein, keiner Schokolade, denn die Schale ist leer…

Wir verfallen in Panik – der Hund hat die Schokolade gegessen! Mit Papier! Mit Papier -? Also Folie? Sie hat schon mal essen geklaut, aber immer fein säuberlich ausgepackt. Dieser Hund ist nicht so gefräßig, dass er die Verpackung mit herunterschlingt! Oder? Oh G-tt! Ganz viel dunkle Schokolade! Die ist giftig! Schweiß bricht aus. Und das Plastik! Und die ganzen Weichmacher! Oder habe „ich“ die gegessen? Nee. Das wüsste „ich“ doch!?

Mit der Ruhe ist es auf jeden Fall vorbei und der Rest des Tages besteht aus besorgtem Beobachten des Hundes, entsetztem lesen erschreckender Erfahrungsberichte im Internet, Selbstberuhigung, den Hund zig mal vor die Tür schleifen, damit sie endlich, endlich spukt oder ihren Dünnschiß loswird oder… Nix. Der Hundebauch wird abgetastet und gedrückt und begutachtet, bis das arme Tier genervt woanders hin geht. Dem Großkind sagen, es möge bitte Sauerkraut mitbringen, weil das kann sich dann um die Verpackung wickeln und Verletzungen verhindern. Abends zitterig auf ihr zurück kommen warten, das Sauerkraut fast schon in die Schüssel gefüllt und gerade noch gesehen, dass das mit Weißwein ist. – Das ja nich so gut.. Also kein Sauerkraut für den Hund. Nochmal raus. Ködelt normal. Schläft ein und ist friedlich.. ok… Um elf: Oh krass, voll gefährlich! Wir fahren lieber in die Tierklinik die Notdienst hat! Und dann sagen wir denen – ähm, ja… Dass der Hund vielleicht ganz viel Schokolade mit Verpackung gegessen hat, wir die aber vielleicht auch selbst gegessen haben und die vielleicht auch nur irgendwo versteckt haben… Echt jetzt? (…)

Dagegen entschieden und bis zum Morgen gezittert. Dem Hund geht es immer noch gut, ködelt auch immer noch normal. Offenbar hat sie keine Schokolade gegessen. Denn mit ihrem empfindlichen Doggenbauch würde es ihr ja definitiv schon längst sehr, sehr schlecht gehen.

Es setzt sich die Erkenntniseinsicht durch, dass wir das wohl doch selber waren. Das ist beruhigend (bezüglich des Hundewohles) und erschrecklich zugleich – bedeutet es doch, dass in der Zeit, in der wir zu schlafen dachten, irgendwer anders, zu dem alle, die sich den letzten Tag über gesorgt und gegruselt haben, keinen, aber auch gar keinen Zugang haben, mit dem Körperding unterwegs gewesen sein muss! Ich* bin gegruselt, ich! bin empört! Das ist spooky. Außenmenschen sagen, dass sei nicht spooky, sondern normal für uns. Das finden wir nun fast noch ein bißchen spookieger… Aber vielleicht ist das halt auch einfach DIS-Alltag….

Gedanken und Gespräche

Manchmal versuche ich! die Gespräche in meinem Kopf ordentlich aneinander gereiht hinterher zu denken, um sie zu meinen Gedanken zu machen.
Ich denke also, ich denke darüber nach, ein Gespräch zu führen und erdenke mir die Aussagen der Gesprächspartner. Von hinten kommt ein Einwurf in mein erdachtes Gespräch, der ganz schnell als Einwurf eines meiner erdachten Gesprächspartner hinterher gedacht werden muss. Da das Gespräch aber während meiner ordentlich aufgereihten Wiederholung weiter geht, habe ich immer mehr, was ich immer schneller in mein erdachtes Gespräch sortieren muss, um die Gespräche zu meinen Gedanken zu machen, weil ich dann ja keine Stimmen höre – denn das tun ja nur Verrückte, genauer: Schizophrene oder Menschen mit sonstigen schlimmen Psychosen und Wahnvorstellungen, wie ich als Psychologentochter ganz genau weiß – verliere zwischenzeitlich den Faden, versuche ihn wieder aufzunehmen und hechte dem Gespräch hinterher, welches als mein Gedanke doch bitte eigentlich auf mich zu warten hätte! Mein Kopf füllt sich mit Krach und Nebel, mit Druck und Schwindelgefühl und Schmerz. Meine Augen flattern, während ich verzweifelt versuche wieder „Herr über meine Gedanken“ zu werden, dann ist es aber irgendwie auch doch wieder anders und das nachzudenkende Gespräch von eben erscheint mir irrelevant und fad, ich wende mich lieber anderen Themen zu und bin auch irgendwie müde, so müde. Die Stimmen, die ich natürlich nicht höre, werden leiser und undeutlicher, verschwinden im Hintergrund, das dumpfe Pochen des Kopfes, ganz oben, vorne, und der Druck kurz vor den Ohren ist mir egal, denn den kenn ich ja und mein Kaffee wird wieder kalt, während ich hier sitze und versuche den Faden wiederzufinden, über was hier gerade geschrieben werden sollte oder eben einen schicken Übergang zu finden zu etwas, über das ich! schreiben möchte, während jemand mir sagt, das es aber auch einen gewissen Charme hat, das jetzt einfach so stehen zu lassen und nicht künstlich gerade zu ziehen, weil unser Kopf eben genau so (nicht) funktioniert.

Also schlürfe ich unseren Kaffee, lehne mich zurück und versuche das Rauschen wieder zu verständlichen Stimmen werden zu lassen, die Mutter ist schließlich auch schon wieder weg und wir jetzt allein mit uns und dem Tag.

Wohlan, Wochenende, wir haben einiges vor zu sortieren, in unserer inneren Rumpelkammer!

Ums nicht zu vergessen, kündigen wir uns schon mal an, dass wir uns mit der vom Therapeuten aufgeworfenen Frage der „Vergebung“ auseinandersetzen wollen. Also für uns bedeutet das: Was genau ist eigentlich „Vergebung“? Und was kann man vergeben? Gibt es Sachen, die man nicht vergeben kann? Und wie vergibt man? Wie fühlt sich das an und woher wissen wir, wann wir vergeben haben?

Das wäre jetzt auch ein Punkt, bei dem mein Gehirn vermutlich einfach explodieren würde, versuchte ich die Gesrpäche hinterherzudenken, denn da geht so vieles durcheinander und gegeneinander und ist so schnell und so verwirrend, dass ich ohnehin schon nicht folgen kann. Aber Heilung hinge letztendlich an Vergebung, sagte der Therapeut. Nun hänge ich* an dieser Schleife fest, dass da aber ein Widerstand gegens Vergeben ist – wenn wir denn das Konzept der Vergebung richtig verstanden haben – und der Frage, ob es dann so ist, dass wir dann ja „selber schuld“ sind, weil wir uns mit dem Sträuben gegen den Vergebungsgedanken auch gegen Heilung sträuben. Und dass dann ja alles vergeblich ist und es auch nicht schlimm ist, dass uns die Therapiestunden ausgehen, weil wir ja eh nicht richtig mitmachen und es dann auch Zeitverschwendung ist und wir den Therapieplatz lieber jemandem überlassen sollten, der auch bereit ist gesund (?) (geheilt?) – wie bringe ich Vergebung in ein Verb? Vielleicht: vergeblich? Ja, so fühlt es sich an: Vergeblich. Und spannend, dass das so zusammenhängt. Ja, klar, das richtige Verb wäre „vergebend“, schimpft hier jemand, aber darum geht es jetzt nicht, weil ich hab einen Zusammenhang aufgetan, der mir wichtig erscheint und „vergebend zu werden“ auch ein blödsinniger Satz ist. Also der Zusammenhang zwischen Vergebung und vergeblich. Ist das Absicht oder ist das so gekommen, weil der Versuch zu vergeben eben ein vergebliches Unterfangen ist?

Jetzt bin ich so verwirrt wie aufgeregt und brauche erstmal einen neuen Kaffee…..

Vergangenheitsgewühle

Körpererinnerungen sind ja echt ein scheiß Ding! Kannste ja auch keinem erzählen. Gucken die Leute auch komisch manchmal, wenn man sich „aus dem Nichts“ plötzlich krümmt und so, weil da einfach so, so krasse, reißende Schmerzen im.. also, da zwischen Schultern und Knien, sind.

Ganz schön blöd, wenn das einen so raus reißt, aus einem Flow, wenn Dinge gerade mal gut funktionieren, man auch mal ein paar Sachen schafft, auch solche, die schwer fallen und dann das! Und dann darüber aber nicht völlig zerfleddern und ich pass schon auf und ist ja auch nicht aktuell, ist ja kein echter Schmerz gerade – hilft aber nichts, weils tut weh und wir müssen ganz doll aufpassen, das es einfach zumindest bleibt wie es ist und wir nicht von irgendeinem verdammten Flashback aufgefressen werden.

Vielleicht haben wir uns auch wieder ein wenig überfordert in der letzten Zeit mit Büchern, Bildern, Briefen..

Haben einen Entlassungsbrief aus der KJP von vor über 15 Jahren bekommen, ein weiterer von der Klinik ein Jahr später wartet bei der Psychiaterin, den bekommen wir nächstes Mal, damit es nicht zu viel auf einmal ist. Fanden wir erst unnötig, aber okay, jetzt sind wir doch ganz froh…

Und dieser Brief, aus dieser schlimmen, schlimmen Klinik -… -!

Steht da zum Beispiel: „sie berichtet von dissoziativen Symptomen, Ängsten, diffusen Bedrohungs- oder Belagerungsgefühlen und eine Reihe konkreter realer Verletzungen und Belastungen, die vor allem zu Themen von Selbst- und Fremdbestimmtheit und Möglichkeiten, das eigene Ich als selbsthandelnd und effizient zu erleben führen“ und bei „unausweichlicher Nähe durch zu viele Menschen auf der Station oder auch Grenzsetzungen durch Erwachsene“ seien wir „in Erregungszustände“ gekommen und wären „aufgelöst und dramatisch“.

Und dann behandeln die uns auf „depressive Adoleszentenkrise“ und Anorexie (die haben wir dort dann auch gelernt, war echt super)….

Und wir fragen uns, was hätte denn anders laufen können, wenn uns damals mal jemand ernst genommen hätte, wenn mal jemand zugehört hätte!

Oder auch der mega Psychologe von vor noch ein paar Jahren früher, der uns erst krassen scheiß über unsere Schwester und uns erzählte, weil wir angeblich noch viel früher schon mal da waren, aber wir wissen das nicht und auch nicht das, was er erzählt, und schickt uns dann weg, weil „Ich weiß allerdings jetzt nicht, was du von mir willst, denn das sind völlig normale Jugendlichenprobleme“… Und wie habens geglaubt, bis zur nächsten Psychologin wo wir plötzlich saßen, selbst gesucht wohl, nicht von der Mutter empfohlen, die uns am liebsten direkt in eine Klinik bringen wollte, da sind wir dann auch schnell weg und überhaupt war schnell weg müssen echt so ein Ding damals. Oft musste man schnell weg.

Und nun hocken wir hier und versuchen zu verstehen und versuchen das Leben zu rekonstruieren und könnten immer wieder verzweifeln und jemand wird auch wütend und jemand unendlich bleiern müde und jemand anders hat halt diese krassen Schmerzen und wir wabern darin herum und versuchen nicht unter zu gehen und frieren und frieren, aber der Hund ist da und warm und schläft ganz ruhig und da sind der Waschbär der ein roter Panda ist und der Eisbär und das Buch schieben wir lieber unter die Decke, da sehn wir das nicht und dann gucken wir vielleicht gleich ne Serie auf dem Rechner und spielen ein Spiel auf dem Handy und nehmen uns ein Trinkpäckchen und zur Not ein bißchen Notfallmeds und vielleicht schlafen wir ja dann auch mal wieder…….

Das Innen betrachten

Es ist so, als würde ich ein riesiges Bild auf einem winzigen Bildschirm betrachten. Es passt nie ganz drauf. Und alles ist so klein, dass ich es nicht erkennen kann – ich kann zwar reinzoomen, aber dann wird es schnell unscharf und die Zusammenhänge verlassen den Bildausschnitt. Ich versuche verzweifelt einen Überblick zu erlangen, aber immer wenn ich meine etwas erkannt zu haben und der Zusammenhangsline folgen will, verrutscht das Bild und ich weiß gar nicht mehr, wo ich gerade etwas erkannt zu haben meine. Meine Augen brennen von dem Versuch zu erkennen, mein Gehirn verliert sich in den Windungen des unvollständigen Algorithmus, der vielleicht helfen und Aufschluss geben könnte. Dann hänge ich an dem Wort Aufschluss, denn bedeutet das, dass da etwas verschlossen ist? Es ist ja alles da, offen vor mir in dem Bild, das ich zu betrachten nicht im Stande bin.
Ist es nur eine Frage des Formates? Ach, gäbe es doch nur einen Drucker für mein Gehirn! Dann könnte ich die Dinge, die Bilder, die Fragmente vielleicht umsortieren und damit einen Überblick, ein Verständnis erlangen. Über mich, über die Anderen, über uns.
Aber so rutschen meine Finger verzweifelt über den imaginären Bildschirm, werden dabei schwitzig, bleiben kleben, können nicht mehr weich fließen und verkomplizieren die Suche auf ein Maß, das mir Rückenmarkskribbeln bereitet. Das Herz stolpert, in den Ohren rauscht es und ich sinke enttäuscht zusammen, voller Bitterkeit und Trauer. Möchte weinen, doch den Teil des Bildes finde ich auch nicht wieder, obwohl ich weiß – ganz sicher! – das ich den vorhin doch noch gesehen und auch fast zu packen bekommen habe.
Der Kopf pocht und schmerzt, die Anstrengung fließt mir aus den Poren in den Stoff meines Pullovers. Der Blick nun gänzlich verschwommen, das Bild und die Welt und ich getaucht in diesen zähen giftigen Nebel der mir auf den Nacken drückt.
Ich versuche der leisen Pianomusik nachzulauschen, um mich lieber in ihr als in mir zu verlieren und stelle mir vor, wie mein Blut, das ganz verklumpte, sich einem Bächlein gleich seinen Weg durch meine Adern sucht, die in dieser Bilderlandschaft zwischen Steinen und Wiesen fließen, durch den Wald des Verdrängens hindurch, auf einer moosbewachsenen Lichtung kurz verharren und dann irgendwo im Gestrüpp des Unsagbaren versickern…

Regen in der Einsamkeit

Nun sitzen wir hier im Unterwegszuhause, am Meer, im Regen. Eigentlich lieben wir es, unterwegs zu sein. Eigentlich lieben wir es, den Regen auf das Dach prasseln zu hören.

Aber dieses mal ist es irgendwie anders. Schon das losfahren war schwierig und mit einer diffusen Angst verbunden. Angst haben wir jetzt nicht mehr, ich zumindest nicht. Aber… Aber da ist diese Schwere rund ums Herz und diese Einsamkeit. Das sich so verdammt allein und verlassen fühlen.

Ist das nicht ironisch? Viele zu sein und zu sagen, man sei so allein?

Auf der Fahrt haben wir ein Lied gehört, bei dem mir jemand erklärt hat, dass genau das der Grund ist, dass wir viele geworden sind: damit da jemand ist, dem wir sagen können „ich bin allein“.

Ich bin allein. Ich bin allein. Ich bin allein. Ich sage es immer wieder: ich bin allein.

In dem Lied heißt es „Hilfe naht“, aber darauf warten wir schon seit so vielen Jahren vergebens. Es gibt keine Hilfe. Kann es vielleicht nicht geben. Es gibt Menschen, die uns unser alleine sein für eine Weile ein wenig vergessen lassen, denn wir sind nicht so gut im Erinnern. Aber: wir sind nicht so gut im Erinnern. Daher vergessen wir auch das, sobald wir wieder alleine sind und fühlen: wir sind immer allein.

Auch, wenn ich weiß: es gibt diese Menschen, dann bedeutet das noch lange nicht, dass ich es auch fühlen kann.

So sitze ich hier, versuche an die lieben Menschen zu denken, die wir in unserem Leben haben und daran, dass ich ja immer auch meine anderen bei mir habe (und den Hund, by the way) und doch wird die Schwere nicht leichter und selbst der Regen verlässt mich und ich bin nur noch allein. Ganz ohne Regen.

Allein.